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Meine Zwillingsschwester, Schreibwerkstatt Ligurien
26.01.2006 / erstellt von Sybille Seuffer

Da steh ich und bin gespannt – Menschen strömen an mir vorbei. Plötzlich tippt jemand auf meine Schulter, ich drehe mich erschrocken um, und schaue einer Frau ins Gesicht, die mich anlacht und dabei sehe ich eine riesige Zahnlücke. Magnetisiert starre ich dahin, reiße meinen Blick gewaltsam los und sage dabei:
“Mein Gott, Myriam, da bist du ja.” “Ja, da bin ich,” sagt sie und mustert mich dabei von oben bis unten, neugierig, unverhohlen, fast unangenehm. Wir schauen uns an, Freude steig auf, meine Schwester.


“Lass uns ins Cafe gehen, ich helfe dir deinen Rollwagen zu ziehen!” “Cafe ist gut- meinen Baggy zieh ich selbst,” sagt sie bestimmt. Wir gehen nebeneinander her, mir fehlen erst mal die Worte. Myriam ist spindeldürr, ihre Haare hängen ihr zerzaust und ungepflegt ins Gesicht. Sie hat dunkle Ringe unter den Augen und sonnengegerbte Haut. Sie sieht 15 Jahre älter aus als ich. Innerlich ringe ich nach Fassung, denke jetzt schon, ob ich dem was kommt überhaupt gewachsen bin. Im Cafe bestellt sie einen Gin mit Eis. Ich bestelle mir eine kalte Zitrone. “So da sind wir, Schwesterherz, dass ich das noch erlebe, dich zu sehen, ich kann’s nicht fassen. Gut siehst du aus – kein Vergleich zu mir“, sagt sie. “So könnte ich auch aussehen.”

Sie schaut mich lange an und sagt dann, mit belegter Stimme: “In dir sehe ich, was aus mir hätte werden können. Da hab ich es, von Angesicht zu Angesicht vor Augen – mein Leben ist ein Trümmerhaufen, deines scheint zu funktionieren.” Bei diesen Sätzen wird es mir ganz anders. Und ich stottere: “Ist es so schlimm?”
“Schlimm, ist kein Ausdruck, es ist eine Katastrophe. Willst du es hören? oder soll ich es dir ersparen?”

Ich wusste in diesem Moment selbst nicht, ob ich bereit war für ihre Geschichte. Denn eins war mir klar, bei ihrer Intelligenz, würde sie messerscharf und schonungslos erzählen, wie sie zu der wurde, die sie heute ist. Und ich würde dann feststellen, dass ich den besseren Teil vom Schicksal abbekommen habe, mich schuldig fühlen und womöglich wäre mir auch noch ihr Neid gewiss. Meine Güte, was sollte ich jetzt machen.

“Myriam, ich war wirklich nicht darauf gefasst, dass es so ist, wie es jetzt ist, und ich brauche einen Moment Zeit.” “Ja”, sagte sie. “Erzähl du doch zuerst wie dein Leben läuft- ich höre dir zu und glaub mir, ich bin ehrlich gespannt und ganz Ohr!” So begann ich meine Geschichte und als ich beim heute ankam, hatte Myriam, Tränen in den Augen und sagte: “Wenigstens, hast du deinen Weg gefunden. Lass uns etwas Essen und danach erzähle ich.”
Eine Geschichte, die voller Hoffnung begann, eine Geschichte, die mich weinend macht, die mich wieder empfinden lässt, dass, das Leben nicht gerecht ist.


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